Drei Kieselsteine für Lisa – Teil 1

Diese Story ist recht lang geraten, weshalb ich sie in drei Teile aufteile. Was auch besser zum Titel und Inhalt passt … Folgt also den Links, wenn ihr weiterlesen wollt und beginnt auf jeden Fall mit Teil 1, also hier:

Sie haben sich auf dem Marktplatz verabredet, am Brunnen. Sein Aussehen kennt sie, ein etwas längliches Gesicht, glattrasiert, mit hoher Stirn und dunklen Haaren. Die Augenfarbe konnte sie auf dem Profilbild nicht erkennen, er hat sie mit grau-grün angegeben.

Zum ersten Mal ein älterer Mann, mit 38 beträgt der Altersunterschied elf Jahre. Viel mehr als sonst. Aber sie hat die Nase so voll von den Gleichaltrigen. Unerfahren, stümperhaft, unentschlossen, verspielt. Natürlich hat sie keine Ahnung, ob er anders sein wird, besser oder schlechter, aber sie will es versuchen. Vor zwei Jahren fing sie an, auf dieser Seite zu suchen, nachdem sie immer wieder enttäuscht worden war. Ob es nun an ihren Vorgaben lag oder an ihrem eigenen Profil, weiß sie nicht, jedenfalls verflog der erste Enthusiasmus schon nach wenigen Monaten.

Nun geht sie nur noch selten auf die Seite, doch gestern war einer dieser Tage. Langweilig, zum Kotzen. Seit ihre beste Freundin liiert ist, gehören die Wochenenden dem Freund und Lisa kommt sich vor wie das fünfte Rad am Wagen, wenn sie doch mal mitgeht. Zu den Eltern will sie nicht, weil die Mutter jedes Mal nervt. „Na, hast du noch immer niemanden kennengelernt?“ Vielleicht sollte sie ihre Verabredung mit hinschleppen und als Sex-Date vorstellen, da würde ihrer Mutter schon das Fragen vergehen und die brave Schwester vor Neid oder scheinheiligem Entsetzen erblassen.

Als er auf sie zukommt, vergehen alle Gedanken an die Verwandtschaft. Er wirkt groß und vor allem breit, seine Schultern füllen das dunkelblaue Hemd aus. Kein Slim fit. Massig. Jetzt weiß sie, warum sein Schädel so groß wirkte auf dem Bild. Er ist mehr als einen Kopf größer als sie, bestimmt zwei Meter. Warum nur ist ihr das nicht in seinem Profil aufgefallen?

„Lisa.“

„Tom.“ Was soll sie sagen? Ihr fallen nur dumme Sprüche ein. Warum hast du so große Hände? Warum hast du so einen großen Mund?

Er lädt sie zu einem Kaffee ein und sie kommen doch noch ins Gespräch. Über ihren Beruf, seinen Beruf, den er nur sehr ungenau beschreibt. Bücher, die sie lesen und gelesen haben und noch lesen wollen, Filme. Smalltalk, ein Abtasten, unwichtige Informationen. Seine Stimme gefällt ihr, seine Art zu sprechen auch. Ruhig, knapp, nicht unhöflich, aber ohne unnütze Füllwörter.

„Was willst du?“, fragt er zuletzt.

Für einen Moment ist sie verwirrt. Was meint er? Dann fällt ihr wieder seine letzte Nachricht ein. Wir klären ab, was du tun willst und wo deine Grenzen sind.

Was sie will? Von ihm benutzt werden. Aber das hat sie so nicht formuliert in ihrem Profil. Sie hat es umschrieben, hat die Kreuzchen an Stellen gemacht wie „neugierig“, „hart“ und „ungehemmter Sex“. Genügt ihm das nicht?

„Was willst du, Lisa?“

Sie muss sich räuspern. Immerhin sitzen sie hier mitten in der Stadt mit einem Haufen Leute um sich herum. Da spricht man keine Wünsche aus, nicht laut. Also antwortet sie mit einer Gegenfrage. „Was machst du?“

Er zieht nur eine Augenbraue nach oben. Schaut sie an. Lange. Dann verzieht sich sein Gesicht und auf einmal grinst er wie ein Wolf, der gerade die angebundene Ziege entdeckt. „Was ich will.“

Jetzt muss sie schlucken, weil ihr Mund ganz trocken geworden ist. Dabei ist das so ein Klischee. Hat er nicht mehr drauf? „Und wenn ich das nicht will?“

Seine Schulter zuckt minimal. Er schaut nur.

Sie rutscht auf dem Stuhl hin und her. „Du wolltest doch mit mir über meine Grenzen sprechen.“

„Dafür müssten wir erst einmal über den Bereich innerhalb der Grenzen sprechen. Was du nicht tun willst.“

„Doch, schon. Aber nicht hier.“

Sofort steht er auf, wirft einen Zehner auf den Tisch und geht. Erst nach zehn Schritten dreht er sich um und schaut sie fragend an. Schnell springt sie auf. Sie will diese Chance nicht vergeben. Er gefällt ihr. Kein Mann vieler Worte. Vielleicht dafür umso tatkräftiger.

Wie ein Schaf folgt sie ihm. Oder wie eine dumme Ziege? Warum geht ihr nur dieses blöde Märchen nicht aus dem Kopf? „Wo gehen wir hin?“

„Zu einer Stelle ohne Menschen. Dann will ich wissen, was du willst. Danach kann ich dir sagen, ob ich es zu geben bereit bin.“

Mitten auf dem Marktplatz bleibt er stehen. Das Rauschen des Springbrunnens übertönt die anderen Menschen und wird auch ihre Worte übertönen.

Sie muss all ihren Mut zusammennehmen. „Ich will, dass du mich benutzt.“ Nun ist es draußen. Wie konnte sie nur? Diesen Satz hat sie noch nie ausgesprochen, so etwas sagt man nicht.

Er schaut nur. Verurteilt er sie? Nein. Er wägt ab. „Was willst du nicht?“

Wie eine emanzipierte Frau behandelt werden. Gefragt werden. Gebeten werden. Sie sagt es ihm mit Blicken, nicht mit Worten. Auch das sagt man nicht.

Diesmal schaut er sich um. „Lass uns spazieren gehen.“

Was? Sie braucht schon wieder eine Weile, in der er schon ein ganzes Stück Weg zurückgelegt hat, bis sie ihm folgt. Hin- und hergerissen. Zerrissen zwischen Hoffnung und Irritation. Verrückt oder nicht? Die Antwort findet sie nur, wenn sie ihm folgt.

Mit Mühe schafft sie es, mit ihm gleichzuziehen. Durch eine Straße, weg vom Zentrum, weg von den Fachwerkhäusern. Jetzt sind es Wohnblocks, nicht hässlich, nicht hübsch. Er biegt in eine Einfahrt ab, wie ein kleiner Tunnel, der zum Hauseingang führt, doch er läuft daran vorbei. Ein Hinterhof, eine abgetrennte Ecke mit den Mülltonnen. Sie ist ein wenig enttäuscht, hätte erwartet, dass er schöner wohnt, besser, aber was weiß sie schon von ihm?

Er öffnet die Tür zu der Müllbox, packt sie am Arm und zerrt sie in Sekundenschnelle hinein, stößt sie hinter die riesige grüne Papiermülltonne und drückt sie mit seinem Gewicht an die Wand. Eine Stange drückt sich in ihren Rücken, ihr Steiß tut weh, wo sie an das Metall gestoßen ist.

„Zeig mir deine Titten.“

Hitze. Röte. Scham. Was soll das? Der spinnt doch! Sie will weg, doch er lässt sie nicht, drückt weiter, presst sie hart an die Wand. Sagt kein Wort, lässt sie aber auch nicht aus den Augen. Ihr Atem geht heftig, dabei riecht sie bei jedem Atemzug den Gestank aus der Biomülltonne, die auf der anderen Seite steht. Sie will nach oben schauen, kontrollieren, ob jemand sie beobachtet, doch sie traut sich nicht, die Augen von ihm zu nehmen.

Langsam, zögernd, löst sie die Hände von seinen Armen. Wann hat sie sich festgekrallt? Er hat bestimmt ihre Nagelabdrücke im Fleisch. Selbst schuld.

Also gut. Sie wird mitspielen. Drei Knöpfe reichen aus, um den Ausschnitt zu erweitern. Der BH ist widerspenstig, sie hat einen Push-up angezogen, weil sie nicht so arg bestückt ist und dennoch gerne einen schönes Dekolletee vorweist. Alles umsonst, weil er jetzt sehen kann, dass sie nur kleine Brüste hat. Doch er schaut gar nicht hin, schaut nur in ihr Gesicht. Nickt kurz, tritt einen Schritt zurück und sie weiß, dass sie wieder alles wegpacken darf.

Eine erste Prüfung. Hat sie die bestanden?

Er geht. Diesmal ist sie schneller an seiner Seite. Läuft neben ihm her, den Kopf voll und gleichzeitig leer. Es scheint, als würde er nicht hier wohnen, sie sind wieder auf der Straße, laufen weiter. Geht es dort zum Park? Er biegt vorher ab, in das renaturierte Flussbett des kleinen Baches. Jetzt schlendern sie, umgeben von Familien mit kleinen Kindern, Kinderwagen, Fahrrädern. Am Bach macht er Halt, bückt sich, nimmt drei Kieselsteine auf, grau und glattgeschliffen vom Wasser, so groß wie ihr Handteller. Mit seinen großen Händen reibt er sie aneinander, wie ein Waschbär. Noch so eine seltsame Assoziation, aber zumindest kein Märchen.

Weiter geht es, bis er sie wieder am Arm packt. Diesmal in ein Gebüsch. Kein ideales Versteck, aber privater geht es hier nicht. Was kommt jetzt?

„Lass die Hose runter.“Pebble on a white background

Scheiße. Das ist ihr bei weitem zu öffentlich, aber sie ahnt, dass er genau solange mit ihr spielen wird, wie sie mitspielt. Er muss sie nicht überreden, er gibt nur Anweisungen. Sie muss sich überreden. Überwinden.

Tut es. Öffnet Knopf und Reißverschluss und lässt die enge Jeans nach unten gleiten. Die zweite Prüfung.

Den Slip übernimmt er. Seine Finger sind noch kühl vom Wasser. Sie spürt die Steine in einer Handfläche. Dann öffnen zwei Finger ihre Muschi, die andere Hand schiebt etwas Kaltes in sie. Einen Stein. Und noch einen und den dritten auch noch. Gott, ist das schwer! Sie hat schon öfter Liebeskugeln getragen, aber die hatten nicht so viel Gewicht wie die Steine.

„Halt sie fest. Für jeden, der rausrutscht, gibt es eine Ohrfeige.“

Vor Schreck lässt sie los. Der Stein ist noch nicht auf dem Boden aufgekommen, da ist seine Hand schon in ihrem Gesicht. Wie in Zeitlupe spürt sie, wie ihr Kopf zur Seite fliegt, hört das Klatschen, spürt alle seine Finger auf sich, als sie schon längst nicht mehr da sind. Sie hat keinen Mucks gemacht. Stattdessen konzentriert sie sich auf die Steine. Zwei noch. In ihr, festgeklammert, panisch, zugleich hocherregt.

Er wartet. Sie wartet. Nichts passiert. Sie schlägt nicht zurück. Sie weint nicht, sie staunt nur. Er wartet.

„Zieh dich wieder an. Heb den Stein auf.“

 

Über margauxnavara

Autorin von BDSM-Romanen und Kurzgeschichten.
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12 Antworten zu Drei Kieselsteine für Lisa – Teil 1

  1. alleinsein1974 schreibt:

    Genial

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  2. JanJan schreibt:

    Weiter bitte…

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  3. Sky schreibt:

    WOW, tolle Story!

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  4. 64er schreibt:

    ufffffff, ist das stark!

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  5. karimausi schreibt:

    Ich hoffe du lässt uns nicht zu lange auf den nächsten Teil warten!

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  6. Pingback: Drei Kieselsteine für Lisa – Teil 2 | Margaux Navara

  7. Pingback: Drei Kieselsteine für Lisa – Teil 3 | Margaux Navara

  8. Michael Behr schreibt:

    Schön geschrieben, Margaux! An einer Stelle habe ich ein wenig gestutzt, nämlich als sie ihm sagt, dass er sie benutzen soll und sie meint, dass man so etwas doch nicht sagen dürfe. Nachdem sie schon zwei Jahre auf der Datingseite unterwegs ist, würde ich weniger Skrupel unterstellen.

    Aber die Sache mit den Steinen finde ich toll! Ich lese jetzt gleich mal bei Teil 2 weiter :-).

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    • margauxnavara schreibt:

      Nun, Mic, es gibt Datingseiten und Datingseiten. Ich dachte eher an eine neutrale, nicht unbedingt den Joyclub. Da gibt es einige, bei denen man seine sexuellen Präferenzen einstellen kann, ohne gleich ganz deutlich zu werden. Das hätte ich dann wohl ausführen müssen, aber ich wollte keine Werbung machen.

      Gefällt 1 Person

      • Michael Behr schreibt:

        Mir ist die Welt der Datingseiten (aus Nutzersicht) vollkommen fremd. Ich dachte halt nur, so wie Lisa eingeführt wird, dass sie sich schon auf einem „einschlägigen“ Portal herumtreiben würde :-).

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