Drei Kieselsteine für Lisa – Teil 2

Diese Story ist recht lang geraten, weshalb ich sie in drei Teile aufteile. Was auch besser zum Titel und Inhalt passt … Folgt also den Links, wenn ihr weiterlesen wollt und beginnt auf jeden Fall mit Teil 1!

Noch etwas: Ich erinnere an die BoFeWo in Hofheim bei Wiesbaden, die morgen beginnt und auf der ich ausstelle (und lese und Bücher verkaufe und signiere).

Kaum ist der Knopf zu und der Kiesel in ihrer Hand, geht es weiter.

Sie hält den Kopf gesenkt, den ganzen Weg über. Schaut zum Boden, schaut auf seine Füße, folgt ihnen, wo immer sie sich hinwenden. Sie will nicht, dass jemand sie auf den Handabdruck anspricht, lässt die Haare darüber hängen. Aber das ist es nicht allein. Es ist auch eine Art Unterwerfung. Sie bleibt einen kleinen Schritt hinter ihm und weiß doch nicht, ob er es überhaupt wahrnimmt, ob es ihm egal ist, ob er es befürwortet.

Keine Ahnung, wo sie hingehen, wichtig ist allein, dass sie ihn nicht aus den Augen lässt, dass sie keinen Stein verliert. Die Hose hilft dabei, aber sie wird immer unruhiger, weil sie glaubt, ein Kiesel stoße schon an den Zwickel. Kann das sein? Sicher, sie hat eigentlich keine Chance, nichts herausrutschen zu lassen, aber sie begreift, dass das Teil des Spiels ist. Ein Spiel, das sie ernst nimmt, weil er es tut.

Er stoppt so plötzlich und wendet sich seitwärts einem Gebäude zu, dass sie in ihn hineinrennt.

„Entschuldigung.“ Stocksteif steht er vor ihr. Sie traut sich kaum, zu ihm aufzuschauen, tut es dann doch. Sie muss wissen, was er von ihr will.

Seine Stirn ist gerunzelt, missbilligend. Was soll sie tun? Hat sie ihn falsch angesprochen? Will er so etwas wie Sir, Meister, Herr oder so hören? Aber doch nicht auf der Straße, oder? Zur Sicherheit sagt sie: „Es tut mir leid“, und diesmal lauter, damit er es auf jeden Fall hört.

Wieder weist er mit einem Neigen des Kopfes in eine Richtung und sie folgt ihm, als er darauf zugeht, die Tür öffnet, hineingeht.

Bleibt verwirrt stehen. Alles voller Fahrräder, in ordentlichen Reihen stehen sie da, Preisschilder am Lenkrad. Er ist schon im Gespräch mit einem Verkäufer, als sie sich endlich weiterbewegt.

„Dieses da“, sagt er und zeigt auf ein Rennrad mit ultradünnen Reifen. Der Verkäufer nickt und hebt das Fahrrad von seinem Platz, trägt es nach hinten. Tom folgt ihm, sie folgt Tom. Der Verkäufer setzt das Rad in ein Gestell, in dem der Hinterreifen auf Rollen aufliegt. Dann verstellt er den Sattel nach einem prüfenden Blick auf Lisa.

„Ein bisschen höher, sie fährt lieber mit gestreckten Beinen.“ Man sieht dem Mann an, dass er etwas dagegen einzuwenden hat, aber er tut es nicht. Kunde ist König und so.

Tom dreht sich zu Lisa um und spricht sie endlich richtig an. „Lisa, du darfst es jetzt ausprobieren. Komm, ich helfe dir.“ Er hebt sie hoch, als wäre sie nur mit Stroh gefüllt und nicht mit Steinen. Sie klammert sich am Lenker fest, weil sie kaum Halt findet auf dem extraschmalen Sattel. Der Stein in ihrer Hand drückt sich unangenehm in die Handfläche, sie kann sich rechts nur mit den Fingern festhalten.

„Wir haben andere Sättel für Frauen. Ich hole einen.“

„Nein. Sie wird es so ausprobieren. Für einen ersten Test genügt der. Lassen sie uns bitte für ein paar Minuten Zeit zum Testen.“

Der Verkäufer zieht sich zurück, genauso unter dem Bann von Toms Autorität wie Lisa.

„Na los.“

Sie weiß, was sie zu tun hat, ohne dass er es sagt. Sie reicht gerade mit den Zehenspitzen an die Pedale, um sie bewegen zu können, muss sie dauernd auf dem Sattel hin- und herrutschen. Zumindest drückt der schmale Steg die Kiesel wieder nach drinnen, aber dafür reibt er über ihre Klit. Außerdem bewegen sich die Gewichte in ihr drin mit. Sie tritt nur zögernd, langsam.

„Schneller.“

Fühlt sich so ein spanisches Pferd an? Nein, das dürfte noch spitzer sein.

Für einen Moment fragt sie sich, warum sie das tut. Aber dann schiebt sie den Gedanken wieder fort. Sie will das. Genau das. Sie wird sich von ihm herumkommandieren lassen, will experimentieren, will sich an Grenzen führen lassen. Verrückt, das ist ihr klar, vor allem mit einem Fremden, von dem sie nichts weiter weiß als eine Telefonnummer und einen Namen aus einem Profil. Doch genau diese Anonymität gibt ihr die Freiheit, hat ihr schon die Chance gewährt, ihm ihren geheimsten Wunsch mitzuteilen.

„Schneller!“

Wie kann er so ruhig bleiben? Er beobachtet sie, aber er scheint ungerührt von allem. Ein bisschen Schlange und Kaninchen. Ganz ruhig liegen, nur schauen, dann auf einmal wird er zustoßen. Sie würde kichern bei der Vorstellung, aber sie kann nicht, weil sie sich abquält.

„Entschuldigen Sie bitte, aber dieser Sattel ist eindeutig zu hoch. So wird Ihre Frau nicht zurechtkommen. Ich werde ihn niedriger stellen.“ Der Verkäufer hat wohl beschlossen, der Farce ein Ende zu bereiten.

Tom hebt Lisa wieder herunter und stellt sie ab, hält sie fest, weil sie ganz wacklig ist auf den Beinen. „Vielleicht hat sie ja ihre Lektion gelernt. Ein Rennrad ist nichts für sie.“ Damit fasst er sie an der Hand, die immer noch den Kiesel umklammert hält und führt sie aus dem Laden auf die Straße.

Der Druck dieser riesigen Hand um ihre macht Lisa glücklich. Wie eine Belohnung, für etwas, das sie richtig gemacht hat. Sie strengt sich noch mehr an, die Steine in sich zu behalten. Selbst der Stein, den sie festhält, schenkt ihr Freude. Sie hat ihn nicht losgelassen, weil er ihr einen Auftrag erteilt hat und sie diesen ausführen will. Einmal hat sie versagt, das war genau einmal zu viel.

Wieder zerrt er sie zu einem Gebäude, einem Hochhaus, ziemlich heruntergekommen. Die Art, wie er die Tür aufdrückt und sich umschaut, sagt ihr, dass er noch nie hier war. Also wohnt er auch hier nicht. Nur eine spontane Idee von ihm. Was hat er jetzt vor?

Sie gehen schnell zum Treppenhaus, wo er die Stufen nach unten nimmt. Stimmen sind zu hören, er hält an und lugt um eine Ecke in einen Raum. Dann dreht er sich zu Lisa um und hält einen Finger an den Mund. Sie schleichen sich vorsichtig an der offenen Tür vorbei. Ein Raum voller Waschmaschinen und Wäscheständer, zwei Frauen, die Wäsche ein- oder ausräumen. Keine der beiden bemerkt sie. Weiter geht es den Gang entlang, dann um eine Ecke. Nur noch Holzverschläge, Kellerräume voller Kisten. Der Geruch nach alter Kleidung, nach Motorenöl aus einem Kabuff, dann nur noch Staub, abgestandene Luft.

Er probiert jetzt an jeder Tür. Sie sind mit Schlössern gesichert. Dann doch eines, das sich öffnen lässt. Völlig verstaubte Kisten, ein Kinderwagen, nur notdürftig mit einer Plane abgedeckt, ein paar Inliner mit abgefahrenen Reifen.

„Zieh dich aus.“ Tom verschränkt die Arme vor der Brust, die Muskeln an den Oberarmen wirken noch dicker als vorher, die Unterarme sehniger. Überhaupt sieht er größer aus hier unten im Halbdunkel, nur erhellt von der trüben Glühbirne draußen im Flur, Streifen von Licht durch die holzbeplankte Tür.

Sie tut es, streift die Bluse ab, legt sie mit der linken Seite auf den Kinderwagen, der ihr noch am saubersten erscheint. Dann den BH. Es hat keinen Sinn, sich zu schämen, weil sie ihm etwas vormachen wollte, weil er es schon gesehen hat. Trotzdem wartet sie auf einen Kommentar, nein, eher eine Beschimpfung oder eine abfällige Bemerkung. Es kommt aber keine. Er bleibt einfach stehen und schaut ihr zu. Kein Zeichen von Ungeduld, keine Erregung.

Das Letzte findet sie schade. Wirkt sie nicht auf ihn? Wenn sie es sich genau überlegt, hat er überhaupt keine Bemerkung gemacht, dass sie ihm gefällt. Auch keine körperliche Reaktion.

Das ernüchtert sie, aber nicht genug, um das hier abzubrechen. Sie will wissen, wie es weitergeht, was er mit ihr vorhat. Bei der Jeans ist sie ganz vorsichtig. Bleiben die Steine drin? Sie betrügt ein wenig, indem sie beim Bücken mit einem Finger nachhilft. Hat er es gesehen? Oder haben ihr Haare genug verdeckt? Beinahe wäre sie hingefallen beim Abstreifen über die Füße, sie schafft es gerade noch, sich an einer Kiste anzulehnen. Dabei erinnert sie sich wieder an den Stein in der Hand.

Als sie vor ihm steht, endlich nackt, hält sie ihm die Handfläche hin, präsentiert ihm den Kiesel. Sie beißt sich auf die Zunge, damit sie nichts Dummes sagt. Nicht: „Ich habe einen Kieselstein getragen“ oder „Willst du ihn haben“ oder „Soll ich ihn dir reinstecken?“. Zur Sicherheit beißt sie auch noch auf die Lippen, sonst hätte sie jetzt hysterisch losgekichert.

Er nimmt den Stein und steckt ihn in seine Hosentasche. „Die anderen auch. Lass sie fallen.“

Sie schafft es nicht gleich, zu sehr ist sie darauf fixiert, sie festzuhalten. Dann endlich löst sich einer, zusammen mit einer winzigen Menge Pipi. Der Stein fällt zu Boden. Oh Gott! Sie spürt die Tropfen nach unten laufen und schaut an sich herunter wie ein kleines Kind, das sich in die Hose gemacht hat. Wie peinlich!

Tom hat eine Augenbraue nach oben gezogen. „Ich steh nicht auf Pissspiele.“

Lisa schüttelt langsam den Kopf. Sie auch nicht. „Tut mir leid.“ Genügt das? Jedenfalls nicht, um die Peinlichkeit zu überspielen.

Paff, hat sie seine Hand im Gesicht. Es klatscht ganz schön, ihr Kopf dreht sich, die Wange brennt höllisch.

„Das war für den Stein.“ Und schon knallt es auf der anderen Wange. „Und das für deine Nachlässigkeit. Mach weiter.“

Diesmal fällt der Stein, aber ohne weitere Urintropfen. Sie weiß jetzt, worauf sie achten muss. Und was kommt. Noch einmal die Hand in ihrem Gesicht. Dann greift er sich ihre Bluse und wischt zwischen ihren Beinen herum. „Ich möchte dich sauber. Soweit du jetzt noch sauber sein kannst.“

Die Bluse landet im Staub auf dem Boden. Lisa ist entsetzt, traut sich aber nicht, etwas dazu zu sagen oder sie aufzuheben. Sie ist gefangen in ihrem Traum und erinnert sich an die Worte „Be careful what you wish for“. Hat sie sich zu viel gewünscht? Die Situation ist nicht mehr so erotisch wie vorher, sie ist nicht mehr erregt. Trotzdem berührt sie das alles, lässt tief in ihr etwas anklingen. Wie ein Summton, ein Brummen von einem kaputten Elektrogerät, irgendwo in ihrem Unterleib. Die Hitze der Wange strahlt auch viel tiefer, als es natürlich wäre, sie ist erhitzt, hat feuchte Handflächen, fühlt sich fiebrig und aufgedreht.

„Beine breit!“ Sein Finger steckt schon in ihr, ehe sie wieder richtig steht. Er zieht ihn tropfnass wieder heraus. „Macht dich das an?“

Sie sagt nichts. Kann nichts sagen. Nein, will sie schreien, aber es bleibt ihr im Hals stecken. Stimmt das?

„Antworte mir, wenn ich dich frage!“

„Ja.“ Wo kommt das her? Nein, nein, das stimmt doch gar nicht. Es macht mich nicht an. Ich fühle nichts, gar nichts. Das bin nicht ich.

„Dreh dich um. Bück dich. Und jetzt die Handflächen nach oben.“

 

Über margauxnavara

Autorin von BDSM-Romanen und Kurzgeschichten.
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10 Antworten zu Drei Kieselsteine für Lisa – Teil 2

  1. karimausi schreibt:

    Ich freue mich schon auf Teil 3!

    Und falls du morgen einen kleine schwarze Jacke mit Kapuze tief ins Gesicht gezogen siehst… das bin nicht ich!

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  2. alleinsein1974 schreibt:

    Lach ich freu mich auch☺

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  3. Pingback: Drei Kieselsteine für Lisa – Teil 3 | Margaux Navara

  4. Michael Behr schreibt:

    Schade, dass er nicht stärker auf sie reagiert. Ist das so – also in der Realität? Mir kommt Tom hier über die Maßen gefühlskalt rüber.

    Lachen musste ich bei der Sache mit dem Fahrrad. Ich habe ja erst vor kurzem Radfahren gelernt und habe dabei auch Frauen gesehen, die schon beim Aufsteigen das Ding umgeschmissen haben, wo auch kein Gestell geholfen hätte. Sie kamen einfach nicht auf den Sattel, ohne wieder runterzufallen. Ich mein, ich war ja auch nicht besser. Aber ich stelle mir gerade vor, wie Lisa sagt: »Entschuldigung, aber ich kann gar nicht fahren.«

    Da hätte dann der eine oder andere etwas dumm aus der Wäsche geguckt ;-).

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