Bondage – wieso Bondage?

Wie bin ich zum Bondage gekommen?
Ich erinnere mich, dass mein Mann mir vor vielen Jahren beim Sex die Hände mit meinem BH zusammenband. Und an meine Gefühle dabei. Ein Hochgefühl. Ein mentales „Ja! Genauso! Mach weiter!“, das ich nicht aussprach, das aber sicher für ihn fühlbar war.
Warum? Weil ich mir schon seit der Zeit des sexuellen Erwachens (Wann war das? Mit 12, 14? Keine Ahnung, schon lange her!) wünschte, gefesselt, gefangen genommen, überwunden zu werden.
Ich erinnere mich an das Lesen von Marquis de Sade, ich glaube, es war Justine. Abstoßend und faszinierend zugleich. Viel mehr geprägt hat mich aber die Welt von Gor, der Gegenerde (eine SF-Reihe von John Norman). Frauen sind dort vorzugsweise Sklavinnen, sind trotzdem oft erstaunlich stark und kämpferisch, überlassen sich aber (mal freiwillig, mal gezwungen) auch den starken Kriegern.
Nachdem ich das gelesen hatte, träumte ich davon, selbst so eine Frau zu sein. Wünschte mir, auch von einem Raumschiff mitgenommen zu werden auf diese Welt, in der Männer kriegerisch sind und Frauen sinnlich, rein sexuelle Wesen. Und gefesselt werden.
Tja, dann kommt irgendwann die Realität. Ich hatte meinen Teil von Männern – ONS, längere Freundschaften, Affären, wie vermutlich jede junge Frau auch. Keiner von ihnen hat mich geschlagen oder gefesselt. Ich habe nie danach gefragt. So etwas tut frau nicht.
Ich bin schon sehr lange mit meinem Mann zusammen, wir begannen unsere Beziehung wie jedes „normale“ Paar. Damals wussten wir nichts von BDSM, von Spanking oder Bondage.
Bis zu dem Tag, an dem er den BH als Fessel verwendete. Ein kleines Zeichen, aber ein deutliches, denn es kam unerwartet, ohne Absprache, ohne dass ich meine Wünsche geäußert hätte (oder er seine).
Kurze Zeit später war Weihnachten. Ich suchte nach einem Geschenk. Einem ganz Besonderen, das meine Ideen ausdrückte, ohne zuviel zu fordern.
Ich schenkte ihm Stoff, mit dem er mich fesseln konnte. Einfache Streifen, weich, in verschiedenen Längen.
Oh, ihr hättet sehen sollen, wie seine Augen aufblitzten, als er erkannte, was das war.
Im Nachhinein weiß ich, dass unsere Beziehung schon immer von diesem Machtgefälle geprägt war, das eine D/s-Beziehung ausmacht. Ich habe mich ihm schon früher unterworfen, in vielen Dingen. War nach außen die taffe Frau, aber bei ihm das Weibchen, das seine Wünsche erfüllen wollte.
Was das mit Bondage zu tun hat?
Nun, eine Menge. Es gibt Menschen, die brauchen die Fesseln, um ruhig zu werden, um sich ganz in sich selbst zurückzuziehen. Sie verbinden damit nichts Sexuelles.
Andere, wie ich, brauchen die Fesseln, um sich zu unterwerfen. Ich tue es freiwillig, will aber auch gezwungen werden. Liebe das Gefühl, das mir die Seile vermitteln. Er sagt mir damit: „Ich kann dich beherrschen. Du gehörst mir, du wirst gezwungen, dich mir zu unterwerfen.“ Das triggert mich, meine Lust, meine Devotion.
Dass das so funktioniert, liegt aber hauptsächlich daran, dass ich ihm voll und ganz vertraue. Ich kann mich ihm anvertrauen, seinen Händen, die die Seile knüpfen, seinen starken Armen, mit denen er mich hält.
Ohne dieses Vertrauen wäre dieses Spiel für mich nicht spielbar. Wie sollte ich mich fallenlassen, wenn ich darüber nachdenken müsste, ob der Mann, der mich in der Hand hält, nicht zu weit geht?

Ich bin ein Kopfmensch, ich kann das Denken nicht abstellen. Jedenfalls nicht auf Kommando. Nicht, wenn es doch so viel gibt, an das, über das ich noch denken muss. Immer ist da irgendetwas, das noch erledigt werden will und muss. Das Fesseln löscht das Denken aus. Ob es nun ein antrainiertes Verhalten ist oder einfach ein Trigger, ist mir egal. Ich kann in den Fesseln aufhören, zu denken. Dann bin ich nur noch ich, bin ganz bei mir, in mir. Das wird verstärkt, wenn ich zusätzlich Schmerzen empfange, aber das ist ein anderes Thema.

Heute benutzen wir Baumwollseile, weil sie so weich sind. Oder Ketten, weil sie so hart sind.

Keiner von uns beiden braucht kunstvolle Knoten. Seine Knoten haben nur einen Zweck: mich zu binden. Dass man dabei bestimmte Regeln einhalten soll, dürfte klar sein. Wir wollen keinen Unfall, keine Verletzungen. Aber eben auch kein kunstvolles Geknüpfe (Makramee nannte man das früher und stellte damit fürchterliche „Kunstwerke“ her).
Auf der Buchmesse organisierte meine Kollegin Lisa Skydla, an deren Stand ich ausstellen durfte, ein Bondage-Event. Viele kamen. Manche blieben und versuchten es, andere wandten sich beinahe angewidert ab.
Dabei hatte das Shibari, das Harry knüpfte, Bondage-Award-Gewinner der BoFeWo 2017, nichts abstoßendes an sich. Es war asexuell, wenn man das so bezeichnen kann. Eine Demonstration, wie so etwas aussehen kann, dass es nicht verletzt, keine Schmerzen zufügt, eine Gelegenheit, es auszuprobieren. Streicheln mit Seilen, nannte er es. Eine wunderschöne Erklärung, die vielen einleuchtete.
Dabei wurde auch klar, wie unterschiedlich die Menschen auf das Fesseln reagieren. Eine Frau, die anscheinend nie Interesse daran verspürt hatte, war tief beeindruckt. Über die Kunst, die dazugehörte, über die Vorsicht, mit denen der Rigger seine Seile anbrachte, über die Spuren, die trotzdem auf den Armen der Gefesselten sichtbar wurden, aber auch wieder verschwanden. Sie wird sich trotzdem nie fesseln lassen, das machte sie klar. Muss sie auch nicht. Die Lust, gefesselt zu werden, ist nicht ansteckend.
Ich sah aber auch die Augen eines jungen Mannes, der sofort überlegte, wie er seine Begleitung loswerden könnte und dies augenscheinlich auch schaffte, denn er stand pünktlich da und trippelte von einem Fuß auf den anderen, bis er endlich an die Reihe kam. Er gehört sicher zu den „Erweckten“, zu den Angefixten, zu denen, die davon Träumen, die es brauchen, die sich danach sehnen.
Ob er es nun zum Ruhigwerden benutzt, oder es in sexuelle Spiele einbaut, werde ich nie erfahren.
Mir bereitet das Gefesseltwerden Lust. Genauso wie es meinem Mann Lust bereitet, mich zu fesseln oder mich gefesselt zu sehen. Das ist sein Trigger.
Ich bin äußerst dankbar dafür, dass ich den Richtigen gefunden habe, den Topf zu meinem Deckel, den Mann mit den Seilen, der mich fesselt.
Wenn ihr nun auch Lust bekommen habt auf Fesseln oder Gefesseltwerden, dann bitte ich euch um eines: Macht euch schlau, besucht einen Bondageworkshop. Viele werden angeboten, unterschiedlich lang, unterschiedlich tief gehend. Mal für kunstvolles Shibari, Hängebondage (ropemotion.com, bondageproject.com und viele mehr), mal Fesseln fürs Ficken (wie z.B. bei Baumwollseil.de in Karlsruhe). Die Kosten halten sich meist in Grenzen, das Wissen, das dort vermittelt wird ist immer sein Geld wert. Gerade die Kurse für Anfänger sind auch dazu geeignet, herauszufinden, ob ihr das überhaupt wollt, ob es was für euch ist oder eher nicht. Bitte nutzt diese Gelegenheiten, ehe ihr euren Partner überfallt oder euch verletzt.

 

Mein Kollege Tomasz Bordemé, bekennender BDSMler und Dom, erzählt euch auf seinem Blog, wie er zum Bondage gekommen ist. Schaut in der nächsten Zeit noch mal vorbei, auch andere wollen darüber berichten.

Kennt ihr schon Ben? Er erzählt auf seiner Seite Lusttagebuch auch viele schöne Geschichten zum Thema BDSM. Auch er berichtet, wie seine Liebe zu Bondage begonnen hat. Lest selbst.

Nun hat auch Kari sich der Blogparade angeschlossen. Ihren Beitrag findet ihr hier. Ich entdecke eine Menge Ähnlichkeiten zu meiner Einstellung …

 

Foto: ©wisky – depositphotos.com

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Über margauxnavara

Autorin von BDSM-Romanen und Kurzgeschichten.

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4 Kommentare zu Bondage – wieso Bondage?

  1. karimausi sagt:

    Toll geschrieben – ich finde mich in so viel selbst wieder….

  2. Pingback: Bondage – wieso Bondage? | Tomasz Bordemé

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