BDSM Stammtisch-Gespräch

Eine super Möglichkeit, andere BDSMler kennenzulernen, bieten Stammtische. Ich habe mit Markus, dem Organisator eines Berliner Stammtisches von BDSM Berlin e.V. unterhalten. Dabei sind viele Informationen, nicht nur über die Treffen selbst, sondern auch Tipps für erste Begegnungen herausgekommen. Lest selbst, was Markus auf meine (manche davon mit Absicht „änfängerfreundlich“ gestellten) Fragen geantwortet hat.

Markus, zuerst einmal möchte ich euch zu eurer Webseite beglückwünschen. Sie ist übersichtlich aufgebaut und bietet einem Neuling viele Informationen.
Ihr seid sehr aktiv. Wie oft trifft sich der Stammtisch? Sind alle diese Treffen offen für Neulinge oder gibt es einen Extra-Termin für blutige Anfänger?
Alle Treffen von BDSM Berlin e.V. sind offen für alle, aber natürlich gibt’s Schwerpunkte. Wöchentlich bieten wir den Munch (mittwochs) und das English Language Meetup (freitags) an, einmal monatlich das Einsteigertreffen (jeden 1. Donnerstag). Weitere Veranstaltungen findet man auf www.bdsm-berlin.de. Munch und Meetup sind zum Menschen kennenlernen und Unterhalten da, aber da wir regelmäßig mehr als 50 Besucher haben, wird es schnell zu laut, um intime Fragen zu stellen. Wer also Fragen hat, ist beim Einsteigertreffen richtig. Wir erzählen dort eine Menge zu Spielregeln, Sicherheitstipps, und wie du mit dem Partner deiner Wahl glücklich werden kannst.
Treffen wie unsere gibt es in ganz Deutschland, eine gute Übersicht gibt es auf www.schlagzeilen.com. Für die Jüngeren bis 27 gibt es die SMJG mit eigenen Veranstaltungen, www.smjg.org.

Wow! 50 Besucher! Sind das alles hübsche, junge Menschen oder gibt es eine Streuung? Ab wann ist man zu alt?
18 ist unsere Altersgrenze.
Zu hübsch sag ich jetzt mal nix – wir sind recht froh darüber, dass wir selten jemanden, der unnötige Aussagen über Alter, Aussehen, Geschlecht oder Orientierung macht, vor die Tür bitten müssen. Zu alt ist man höchstens, wenn das Hörgerät nicht mehr mitmacht.
Die Altersstruktur ist jedes Mal anders, das kann man nicht voraussagen. Und wer sich bei uns nicht wohlfühlt (obwohl ich das kaum glauben mag), der kann auch noch einige andere Treffen in Berlin besuchen.

Warum gibt es ein English Language Meetup? Gibt es so viele fremdsprachige Menschen in Berlin, die alle BDSM praktizieren?
Aber hallo! Zum einen natürlich viele, die schon länger hier leben, studieren und arbeiten, zum anderen kommen auch sehr viele Kurzbesucher mal eben vorbei, und dazu viele Berliner, so wie ich, die einfach gern Englisch reden. Wir hatten schon Gäste aus Finnland, Polen, Ägypten, Kanada, USA, England, Italien, Frankreich, Japan, Neuseeland, Australien – und das sind nur die, die mir jetzt gerade einfallen.

Ihr bietet einen sogenannten Munch. Erklärst du bitte, was das ist?
Der Stammtisch heißt bei uns Munch, zu Ehren des Originals, das 1992 zum ersten Mal in Palo Alto, USA, stattfand. Die meisten Gruppen in Deutschland sagen Stammtisch oder Treffen, gemeint ist aber immer dasselbe: ein zwangloses Treffen (in normaler Kleidung) an einem öffentlichen Ort, wo man ohne Angst hingehen kann, um auch mal über BDSM sprechen zu können (das ist aber nicht Pflicht).

Wie stehen die Chancen, bei einem solchen Treffen einen Partner zu finden?
Das mit der Partnersuche ist so eine Sache. Natürlich haben sich bei uns schon viele Paare (und mehr) kennengelernt, das ist nach 20 Jahren kein Wunder. Wir sind aber bitte kein Baggertreffen, sondern begrüßen es, wenn unsere Treffen auch weiterhin ein Ort sind, auf dem Menschen vor plumpen Anmachen sicher sind. Mit ganz normaler Höflichkeit macht auch bei uns niemand was falsch.

Dann gibt es noch das Shibari-Training. Klingt interessant. Aber was ist, wenn ich alleine kommen will? Wer fesselt mich? Wen darf ich fesseln?
Das Shibari-Training ist nicht von uns, sondern einem anderen Veranstalter shibaribar. Auf deren Website sollten die dortigen Regeln stehen, oder man fragt einfach. So sollte man das auch halten, wenn eine Partyankündigung unklar ist: im Zweifel einfach den Veranstalter fragen.
Eins aber gilt immer: Ich darf nur mit demjenigen Menschen spielen, den ich vorher gefragt habe und der sein Einverständnis gegeben hat. Es ist gar nicht so schwer, Menschen zu finden, die mitmachen: entweder auf dem Munch rumfragen, oder einfach zum Bondage Jam oder anderen Anfänger- und Kennenlern-Veranstaltungen gehen.
Auswärtige Besucher beneiden uns Berliner, weil wir wirklich fast jeden Tag irgendeine BDSM-Veranstaltung besuchen können. Es gibt leider keinen zentralen Veranstaltungskalender, aber das meiste wird z.B. auf www.sklavenzentrale.com oder auf fetlife.com (Anmerkung Margaux: Zugriff nur nach Anmeldung möglich) angekündigt.

Markus, du siehst, das große Problem ist die Suche nach einem Partner. Natürlich kann ich alle Online-Portale durchsuchen, aber seien wir ehrlich, die Chancen stehen vermutlich 1:1000, dort den passenden Partner zu finden. Was rätst Du, sagen wir mal: einem dominanten Mann, der eine submissive Frau sucht, der aber bisher nur in seiner Fantasie gespielt hat?
Er sollte zunächst unterscheiden, ob er eine Beziehung oder nur was zum Spielen sucht. Für letzteres gibt es entsprechende Partys oder professionelle Angebote. Für eine Beziehung kommt kein Single drumherum, soziale Fähigkeiten zu beweisen. Mehrfaches Sichblickenlassen auf unseren Treffen ist schon mal ein guter Anfang. Man sollte jedenfalls den Eindruck eines lichtscheuen unsozialen Einzelgängers vermeiden. Das gilt auch online: schon die Wahl des Benutzernamens sagt ja etwas aus, und die legendäre „fickstute23“ bekommt weniger Zuschriften als ein einfacher „christian_berlin“. Es ist eine gute Idee, nicht gleich mit allen Vorlieben und Schwanzlängen im Benutzernamen ins Haus zu fallen, und auch der Profiltext sollte nichts von „bewirb dich, Sklavin“ enthalten – das sorgt nur für Gelächter.
Eine gute Nachricht gibt es: das Online-Niveau von Männern ist derart grottig, dass es nur wenig braucht, sich positiv abzuheben. Profiltext genau lesen, persönlich schreiben, keine Schwanzbilder schicken, und keinerlei Spiel andeuten, bevor das Gegenüber eingewilligt hat – schon machst du es besser als 95% der anderen.
Übrigens haben es Nicht-BDSMer keinesfalls leichter, Partner zu finden: es liegt also nicht an den sexuellen Vorlieben, sondern eher daran, dass du auf dem Dorf lebst oder lange arbeiten musst.

Gibt es auf den Treffen eine Art Einteilung nach Dom/sub, Sado/Maso, gay/straight, damit ich mich gleich einordnen kann (muss)? Sollte ich am Ende noch vor jemanden auf die Knie fallen, wenn ich zur Tür hereinkomme?
Bloß das nicht! Ein Munch ist Alltag und Öffentlichkeit, keine Party oder Session. Und selbst dort begegnen sich alle zuerst immer auf Augenhöhe, bevor eventuell ein Spiel vereinbart wird. Auf unserem Munch sollen sich alle wohlfühlen, und genau deshalb wird weder abgefragt noch sortiert.
Ich werde oft gefragt, woran man denn andere BDSMler erkennt: im Zweifel weder am Halsband noch am „Ring der O“, denn das wird alles auch als Modeschmuck verkauft. Du kommst eben nicht drum herum, mit deinem Gegenüber zu reden – und du solltest möglichst nicht als Erstes fragen: „Bist du dom oder sub?“ Dazu ist immer noch Zeit, wenn man sich mal im Bett wiederfindet, oder jedenfalls kurz davor.
Übrigens sind diejenigen, die nur top oder nur bottom sind, eher in der Minderheit – die meisten von uns haben je nach Laune andere Vorlieben. Was jedenfalls ganz falsch ist: sich nur mit Angehörigen der jeweiligen Zielgruppe zu unterhalten, also „nur toppige Männer“ oder so.

Aber muss ein Mann sich nicht als Dom positionieren? Wie soll die Dame seiner Wahl denn erfahren, dass er dominant ist?
Oha, Fettnäpfchen! Dominant oder submissiv sind überhaupt nicht an irgendein Geschlecht gebunden – es gibt von allem genauso viel bei Männern, Frauen, und sämtlichen anderen Identitäten. Und es ist weder nur 100% das eine, noch irgendeine Richtung für immer. Wer das verwirrend findet, sollte sich das Buch Die Wahl der Qual besorgen – da werden eigentlich sämtliche Vorurteile gründlich aus dem Weg geräumt.
Um bei deinem Beispiel zu bleiben: Die Dame seiner Wahl (wollte sie gewählt werden?) kann ihn einfach fragen. „Worauf hast du heute Lust?“ ist ein sehr guter Einstieg für jede Art von BDSM-Spiel, und natürlich sollten beide die Frage beantworten. Manche Spielparties haben zu Beginn eine kurze Vorstellungsrunde, da sagt man z.B. „Ich möchte heute gern verhauen werden“ und darf hoffen, dass sich ein passendes Gegenüber meldet.
Jemand, der im Alltag als „dominant“ posiert, wird jedenfalls schnell merken, dass andere Menschen gar keine Lust auf solche Spielchen haben, schon gar nicht, wenn sie unfreiwillig miteinbezogen werden.

Was passiert, wenn ich beim Stammtisch auf meine Kollegin treffe? War es das dann mit meiner Karriere?
Deine Kollegin wird doch sicher aus demselben Grund dort sein wie du, oder? Grundsätzlich gilt, daß alles, was man innerhalb der „Szene“ erlebt, also auf einem Munch genauso wie auf einer Party, im Alltag diskret behandelt. Niemand muss auf unseren Treffen seinen richtigen Namen oder Beruf nennen, umgekehrt erwarten wir, dass niemand jemanden anderswo outet.
Diese und viele weitere Fragen beantworten wir unter www.bdsm-berlin.de/erstes-mal/fragen-zu-bdsm-berlin.

Wie steht es mit den Clubs in Berlin – was, wenn ich mich da nicht alleine hin traue? Gerade als Frau hätte ich viel zu viel Angst, dass ich mich von einem Dom einfach bequatschen lasse und es hinterher bereue. Kann mich da jemand begleiten? Gibt es in Berlin erfahrene Doms, die das übernehmen können? So eine Art Escort-Dom schwebt mir vor …
Ich wurde auch einmal gefragt, ob es nicht so eine Art TÜV für Doms gäbe – nein, das ist keine gute Idee, denn wer will das prüfen, und wer will verhindern, dass ausgerechnet irgendein übler Frischfleischsucher sich mit diesem Job tarnt? Ich würde höchstens wen aus meinem Freundeskreis vorschlagen, den ich aber auch mehr als 10 Jahre kennen müsste.
Aber wer sagt denn, dass es ein Dom sein muss, oder überhaupt ein Mann? Zwei oder drei Frauen zusammen sollten schon auf sich aufpassen können. In den Online-Foren wird vor jeder größeren Partys „Wer kommt denn alles?“ gefragt, also ist die Chance groß, dass man da schon mal wen vom Munch kennt.
Es gehört aber auch eigene Verantwortung dazu. Wenn du schon weißt, dass du dich leicht überreden lässt, oder vielleicht dazu neigst, zu viel zu trinken, dann solltest du in einer sicheren Umgebung erst einmal üben, deutlich „Nein“ zu sagen. BDSM hat Regeln – aber in einem kommerziellen Club kannst du nie sicher sein, dass dein Gegenüber sich daran hält oder sie überhaupt kennt.

Muss ich Mitglied im Verein werden, wenn ich zu den Treffen kommen will?
Überhaupt nicht. Selbst die Menschen, die unsere Treffen oder den Stand auf dem Motzstraßenfest betreuen, sind nicht unbedingt Vereinsmitglieder. Mitglied wird, wer mit seinem Beitrag die gute Sache unterstützen will – es gibt keine Vergünstigungen. Wir freuen uns aber immer über aktive Hilfe.


Ich danke Markus ausdrücklich für seine Geduld und die Arbeit, die es bedeutet, meine vielen Fragen so ausführlich zu beantworten!

Ihr seht also: Es ist nicht schwierig. Natürlich läuft nicht jeder Stammtisch in jeder Stadt gleich ab, und die Auswahl wie in Berlin gibt es kaum in einer anderen Stadt. Aber es ist immer noch die beste Möglichkeit, in die Szene zu kommen, Gleichgesinnte kennenzulernen oder sich einfach über diese „seltsamen“ und vielleicht sogar „beängstigenden“ Bedürfnisse zu unterhalten. Keine Angst. Man wird nicht (gleich) gebissen … Wenn die Leute nicht zusagen, bleibt man eben weg und schaut sich woanders um.

In diesem Sinne: Ich wünsche Dir Mut zu den ersten Schritten!


In einer meiner Storys geht es um ein Ehepaar, das zum ersten Mal einen Club besucht … Lest doch einfach rein: Entfesselt

Über margauxnavara

Autorin von BDSM-Romanen und Kurzgeschichten.
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5 Kommentare zu BDSM Stammtisch-Gespräch

  1. Lars sagt:

    Nimm bitte Dir zuliebe den Link zur SZ raus. Ist ilmmer noch indiziert

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