Die Party

Lachen und Gespräche und das Brutzeln von Grillfleisch. Dort das Poppen einer Bierflasche, hier das Gluckern eines Weins im Glas.

Unsere Grillparty läuft perfekt und ich atme für einen Moment durch. Die Gäste amüsieren sich, jeder ist versorgt mit Essen und Trinken, jetzt kann praktisch nichts mehr schiefgehen.

Hinter mir klappert es. Daniel hat Getränkenachschub aus dem Keller geholt und stellt die Flaschen in die mit Eiswürfeln gefüllte Wäschewanne. Er kommt zu mir und gibt mir einen Kuss.

„Marlene.“

Trotz gefühlter dreißig Grad im Schatten überläuft mich Gänsehaut. Sofort senke ich die Augen und stehe gerade, meine Hände sind schon auf dem Rücken und ich umschlinge die Unterarme in der so vertrauten Haltung.

„Sehr schön, mein Schatz. Das genügt.“

Erleichterung überfällt mich, denn eben hatte das Denken wieder eingesetzt und mir die Umgebung bewusst gemacht, im Bruchteil einer Sekunde, bevor ich mich auf die Knie fallen lassen wollte.

Die Empörung folgt auf dem Fuß. Wie kann er nur? Während einer Party mit ungefähr zwanzig Gästen, Freunden und Nachbarn! Wir wollten das Spiel, wie wir es nennen, für uns behalten, es privat ausleben, nicht in aller Öffentlichkeit.

„Noch einmal solch eine Schnute und du bekommst gleich hier die Quittung dafür.“ Daniel spricht sehr leise in mein Ohr, aber ich schaue mich trotzdem um, ob auch niemand zugehört hat.

„Marlene!“ Sein Ton ist schärfer geworden. Der Blick härter. Diese Gänsehaut hat nichts mehr mit Erregung zu tun, sie wird von Furcht ausgelöst. Nicht vor meinem Freund, sondern vor den Konsequenzen. Ich hasse es, wenn er mich bestraft, während ich die gleichen Schläge liebend gern auf mich nehme, solange sie seiner und folgerichtig auch meiner Lust dienen.

„Ruhig, Kleines. Niemand hat etwas gesehen oder gehört. Und niemand wird etwas mitbekommen, sofern du tust, was ich dir sage.“ Daniels Stimme ist leise und sanft, er weiß genau, wann er meine Ängste mit Zärtlichkeit zerstreuen muss und wann Befehle angebracht sind.

„Ich habe verstanden.“ Ich wage nicht, die übliche Ansprache anzufügen und sein Nicken bestätigt mich in meiner Vorsicht. Wir kennen uns schon einige Jahre, ich weiß üblicherweise, was er will. Allerdings hat er noch nie ein Spiel vor anderen begonnen, also kenne ich ihn vielleicht doch nicht so gut, wie ich dachte.

„Du gehst zu Thomas, hockst dich zu ihm und wirst ihm jeden Wunsch erfüllen, den er äußert. Schnell und ohne zu fragen. So, als wären es meine.“

Daniel fragt nicht, ob ich seine Anweisung verstanden habe. Er setzt es voraus. Die Hand, die er mir in den Rücken legt und mit der er mich sanft in Thomas Richtung schiebt, sagt mir mehr als Worte. Ich soll folgen, natürlich, aber auch, dass ich seinen Wunsch damit erfülle, dass er alles im Griff hat und mich nicht fallen lässt.

Es dauert die gesamten zehn langsamen Schritte bis zu der Loungegruppe, auf der Thomas sehr entspannt sitzt, um meinen Kopf freizubekommen und in die Stimmung einzutauchen, die ich so liebe. Ich öffne mich, weite mich innerlich, damit ich ein Gefäß bin, in das mein Herr wahlweise etwas hineingeben oder herausschöpfen kann. Ich will dienen, zu Gefallen sein, mich hingeben.

Thomas lächelt mich an und ich muss einfach zurücklächeln. Ich mag die kleine Lücke zwischen seinen Schneidezähnen, die sein sonst so perfektes Gesicht menschlicher macht. Er ist der hübscheste Mann, den ich kenne, attraktiver noch als Daniel. Mein Freund hat andere Vorzüge, die weit über das Aussehen hinausgehen. Üblicherweise achte ich nicht so sehr auf Äußerlichkeiten, aber bei Thomas drängt sich seine Vollkommenheit geradezu auf – bis er den Mund aufmacht.

„Setz dich zu mir, Marla.“

Der Platz zwischen ihm und der Armlehne ist eng, aber ausreichend. Ich achte auf mein Gewicht und Daniel sorgt dafür, dass ich mich genug bewege, um das Idealgewicht nicht zu überschreiten. Er meint, es sei die Pflicht eines Herrn, sich auch um den Körper seiner sub zu kümmern.

„Eine wunderbare Party. Hast du schon etwas getrunken?“

„Nein, Thomas.“ Erst langsam kommen die Fragen auf, die die Situation mit sich bringt. Wie weit muss ich gehen? Thomas war ursprünglich einer von Daniels Freunden, aber er hat seine Freundschaft auf uns als Paar ausgedehnt. Kein Wunder, dass Daniel ihn für dieses Spiel ausgesucht hat. Thomas wird es nicht verwundern, wenn ich seine Wünsche wortgetreu erfülle, was bei den lockeren Bekannten sicher der Fall gewesen wäre.

„Dann hol dir doch was. Ich möchte mit dir anstoßen.“

Erleichtert gehe ich los und schenke mir ein Glas Wein ein. Meine Augen suchen Daniel. Ich lächle ihm zu und zwinkere sogar. Er wird seinen Spaß haben. Mit Thomas, weil dieser nicht ahnt, was mich bewegt.  Mit mir, weil er mich einmal mehr in eine Situation gebracht hat, in der ich erst den Boden unter den Füßen verliere, um dann festzustellen, dass alles ganz harmlos ist. Er testet gerne meine Limits und überrascht mich häufig mit Szenarien, die mir zunächst Angst machen, sich später aber als leichtes Spiel erweisen.

Ich stelle mein Glas auf dem Tisch ab und will mich gerade setzen, als Thomas mir sein leeres Bierglas hinhält. „Bekomme ich ein Glas Wasser?“

„Ich hole es dir. Einen Moment, Thomas.“

Wie der Blitz bin ich zurück und halte ihm das Glas hin. Er schaut nur kurz auf den Platz neben sich und schon sitze ich wieder brav da. Wir stoßen an.

„Danke, Marla. Du hast eine wunderschöne Party organisiert, geradezu perfekt, aber das kenne ich ja so von dir.“

„Oh nein, Thomas, nicht perfekt. Niemand ist perfekt.“ Ich schaue unwillkürlich auf diese Lücke zwischen den Schneidezähnen und bin froh, dass seine Unvollkommenheit ihn nicht zu stören scheint.

„Aber sollte man nicht immer danach streben? Oder hältst du das für zu anstrengend?“

„Nein, natürlich sollte man sich darum bemühen. Aber wer möchte schon einen perfekten Menschen oder eine perfekte Party? Ein kleiner Fehler oder ein Missgeschick geben doch erst Gesprächsstoff.“

Thomas grummelt. Habe ich etwas Falsches gesagt? Nein, er lächelt, und das Grummeln kommt aus seinem Magen. Er hat Hunger!

„Hast du noch nichts gegessen?“

„Nein, Marla. Ich habe auf dich gewartet.“

„Mich kann man nicht essen, Thomas.“ Daniel hätte mir für diese freche Bemerkung einen ersten Klaps auf den Hintern ausgeteilt, dem später mehr folgen würden. Siedend heiß fällt mir Daniels Anweisung ein. Ich soll seinem Freund doch alle Wünsche erfüllen, habe aber nicht auf dessen Wohlergehen geachtet. „Darf ich dir etwas zu essen holen? Was möchtest du?“

„Stell mir etwas zusammen, du weißt, was ich mag.“

Ich laufe beinahe zum Grill und zum Salatbuffet und häufe eine Auswahl auf einen Teller. Thomas war schon oft zu Besuch, ich kenne seinen Geschmack. Er nimmt das Essen mit einem Lächeln entgegen, runzelt aber die Stirn. Diesmal erkenne ich seinen Bedarf schneller und werde gleichzeitig rot.

„Ich hole dir Besteck.“ Mist, das mit dem Dienen klappt heute nicht so gut. Es ist ein Spiel zwischen Daniel und mir. Nicht, dass ich ihn ständig bediene, nur manchmal. Ich mag es, es ist meine Art, ihm zu zeigen, dass ich gerne für ihn sorge und dass ich ihn liebe. Trotzdem er sehr dominant ist, sorgt er umgekehrt auch für mich und liest mir jeden Wunsch von den Augen ab, sogar den, ihm einfach nur dienen zu dürfen.

Thomas balanciert den Teller auf den Knien und hat nur eine Hand frei, das Besteck entgegenzunehmen, weswegen die Serviette auf dem Boden zu seinen Füßen landet. Ich lasse mich möglichst elegant auf die Knie nieder und offeriere sie ihm so, wie ich Daniel die Peitsche reichen würde, wenn er es verlangte. Thomas nickt, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt. Ich hatte ein Lachen erwartet oder einen verwunderten Blick, aber nun ja. Männer sind so, sie erwarten vielleicht, dass ihnen die Frauen zu Füßen liegen, selbst die ihrer Freunde.

„Hilfst du mir bitte?“

Ich soll den Teller festhalten, damit er das Fleisch schneiden kann. Gerne. Mein linker Unterarm liegt auf seinem Oberschenkel auf, anders geht es nicht. Er fühlt sich hart an, muskulös und warm unter der Jeans. Thomas ist sehr sportlich, fährt Rad, spielt Tennis und klettert, kein Wunder, dass seine Muskeln so ausgeprägt sind. Daniel und er haben schon so manche Tour gemacht und sind auch schon zusammen geklettert.

Daniel! Was sagt er zu dieser Situation? Ich suche seinen blonden Schopf in der Menge und sehe ihn am Grill mit dem Rücken zu mir. Genießt er meine Unterwürfigkeit oder stört es ihn, dass ich Thomas berühre? War seine Anweisung so gemeint oder geht das zu weit? Ich bin auf einmal verunsichert und versuche, den Arm zurückzuziehen, was aber den Teller in gefährliche Schieflage bringt.

„Vorsicht, Marla. Wenn du mir den Salat auf die Hose schüttest, musst du die Flecken entfernen.“

Ich grinse, aber das Grinsen bleibt mir im Hals stecken, als ich ihn anschaue. Ich hatte schon das Bild vor Augen, wie ich mit einem nassen Handtuch über seine Oberschenkel wische, doch sein Blick sagt mir, dass ich mehr machen müsste, als es als Gastgeberin üblich ist. Schlagartig ändert sich die Vision. Ich hocke auf Knien vor ihm und lecke mit meiner Zunge über sein Bein, nur Millimeter von der Ausbeulung hinter dem Reißverschluss entfernt, während er mit einer Hand in meinen Haaren die Bewegungen dirigiert.

Mir wird heiß und kalt. Heiß vor Lust und kalt vor Schuldgefühlen. Ich darf keine Lust für einen anderen Mann empfinden, die allein Daniel gehört. Automatisch suche ich meinen Herrn mit Blicken. Er schaut mir direkt in die Augen, lächelt und nickt mir zu. Dazu streckt er die Hand zu dem Halt-Symbol aus. Ich reagiere auf den Befehl wie immer: Ich bleibe, wo ich bin und rühre mich nicht. Er will, dass ich hier sitze, dass ich Thomas Teller halte, dass ich ihn berühre.

So langsam keimt eine Ahnung in mir auf. Ich schaue Thomas an. Er fixiert mich prüfend, hat die Interaktion zwischen mir und Daniel genau beobachtet und weiß vermutlich auch, was ohne Worte gesagt wurde. Ist Thomas eingeweiht?

„Sehr schön, Marla. Kannst du den Teller ein wenig näher halten?“

Es gibt nur eine Möglichkeit, das zu tun. Meine Hand landet genau in seiner Leistengegend und spürt sofort ein Zucken unter dem Stoff. Ich werde rot wie eine Jungfer, die zum ersten Mal nackt badet. Vom Kopf bis zu den Zehen.

„Mund auf!“ Thomas hält mir eine Gabel voller Essen hin.

Meine Lippen teilen sich nur langsam, aber dann tue ich, was ich bei Daniel gelernt habe. Ich strecke die Zunge raus, als wollte ich ein Eis abschlecken. Keine Ahnung, was ich esse. Es schmeckt für mich nach Mann und seiner Essenz, als wäre ich konditioniert wie ein pawlowscher Hund. Die Speichelproduktion wird jedenfalls genauso angeregt. Und die Produktion von anderen Säften auch. Ich bin jetzt nass, sofern ich es nicht schon seit Daniels erstem Wort war. Meine übliche Reaktion auf das Codewort.

Wenn mich ein Mann auf dem Amt mit vollem Namen anspricht, werde ich feucht, was mit Sicherheit Daniels Absicht war bei der Wahl des Zauberworts, das unsere Spiele einleitet. Ich soll immer wieder an ihn denken, soll mir immer der Macht bewusst sein, die er über mich hat, weil ich sie ihm mit Freuden überlasse.

„Das ist sehr gut, Marlene. Weiter so.“

Ich muss blinzeln, um den Nebel an Lust zu durchdringen. Thomas hat den Namen genannt, den er noch nie verwendet hat. Er ist eingeweiht, jetzt gibt es keinen Zweifel mehr.

„Danke, Thomas.“

Er lächelt und ich kann ihm ansehen, dass er weiß, dass ich es weiß.

„Geh jetzt, kümmere dich um deine Gäste. Ich werde heute länger bleiben. Daniel hat mich zum Übernachten eingeladen.“

Das hatte ich mir auch gerade zurechtgelegt. Da ist es wieder, das Schreckensszenario, das seinen Schrecken verliert und in Lust umschlägt. Ein Dreier ist eine meiner Fantasien. Daniels auch. Er muss genau darauf hingearbeitet haben. Er weiß, dass sein Freund ein Dom ist, und hat ihn zur Erfüllung unseres Wunsches ausgewählt, wahrscheinlich schon vor Monaten. Und das ist Daniels Art, mich mit der Idee vertraut zu machen. Ein Befehl, jedoch mit der Möglichkeit, auszusteigen, wenn ich es will.

Ich will aber. Mein Herz springt mir zwar fast aus dem Leib bei dem Gedanken, aber ich will es. Ich stehe auf und nicke Thomas zu. Es ist ein unterwürfiges Nicken, kein gleichgestelltes, eine dezente Art einer Verbeugung, die einem Kniefall am nächsten kommt.

„Du bist ein gerngesehener Gast in unserem Haus. Ich freue mich, wenn du zum Übernachten bleibst, Thomas.“

Er lächelt. „Und zum Spielen.“ Die kleine Zahnlücke ist nur ein Zeichen dafür, dass er über allem steht, sie kann seiner Dominanz und seiner Neigung nichts anhaben. Er ist auch so perfekt. Perfekt für unsere ausgefallenen Spiele.

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Über margauxnavara

Autorin von BDSM-Romanen und Kurzgeschichten.
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2 Antworten auf Die Party

  1. Wölfin sagt:

    Sehr sexy. Gerne habe ich mich in der Mittagspause auf eine Sommerparty entführen lassen von dieser Geschichte, in der nicht nur die Grillkohlen glühen … Gleichzeitig kommt auch das andere nicht zu kurz, was ich in BDSM-Texten gerne lese: Worte und Umschreibungen, die mein Fühlen zum Ausdruck bringen. Hier ist es das Gefäß, das befüllt und aus dem geschöpft wird. Sehr schön.

    • Vielen Dank für das Lob, Wölfin.
      Wenn schon die äußeren Temperaturen absinken, sollte doch zumindest die Körpertemperatur steigen!
      Ich freue mich, wenn dir meine Wortwahl gefällt. Ein Ansporn für mich …

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