Federleicht

Sie liegt auf dem Rücken, Handgelenke und Knöchel fixiert, eine schwarze Augenbinde, die auch die Nase bedeckt, raubt ihr zumindest diesen Sinn vollständig.

Nicht die anderen. Ja, es stimmt, die anderen Sinnesorgane laufen dafür auf Hochtouren, sobald einer von ihnen ausgeschlossen wird. Das Riechen ist nur leicht eingeschränkt, kleine Löcher in der Maske sorgen für die nötige Luftzufuhr, aber sie genügen, seinen Duft hereinzulassen in die Dunkelheit.

Und hören kann sie ihn. Wie er das Hemd abstreift, die Socken ablegt, dann die Hose öffnet. Ihr Lächeln ist voller Vorfreude. Natürlich wusste sie, dass er sich ausziehen würde. Es genügt ihm nicht, sie nackt vor sich zu sehen und auf ihrem Körper zu spielen wie auf einem Instrument, er möchte aktiv werden, er wird sich früher oder später nehmen, was ihm zusteht.

Doch ehe es so weit ist, kann viel geschehen. Genau das versucht sie zu erraten. Was plant er heute? Wird es schmerzhaft? Wie sehr? Er weiß um ihre Sehnsucht nach Schmerzen, nach Fühlen, nach Unterwerfung.

Die Feder

Sanftes Streicheln, lautlos. Aber nicht mit Fingern, etwas Weiches, Zartes. Ah ja, die Schwanenfeder.

Die Erinnerung sorgt für das Erschaudern, nicht die Berührung. Sie hasst und liebt die Feder, die sie selbst vor einigen Jahren aufhob, voller Unschuld nach Hause trug und ihm präsentierte. Sie betrachteten fasziniert den Aufbau, den harten Kiel und die feinen Federn, so zart und doch strapazierfähig.

Nun treiben genau diese Eigenschaften sie beinahe in den Wahnsinn. Die Feder kann sanft streicheln, kann kitzeln, erregen, der Kiel jedoch kratzt über Nippel und Klitoris. Immer im Wechsel, aber nach unvorhersehbarem Rhythmus.

Die Fesseln fixieren sie, aber lassen ihr Bewegungsspielraum. Sie schafft es, den Rumpf seitwärts zu winden, das Becken den Berührungen entgegen zu recken oder nach hinten zu kippen, doch eines kann sie nicht: ihm entkommen.

Nur ein weiterer Punkt von vielen, die die Erregung schüren. Er spielt mehr mit ihrem Kopf als mit dem Körper. Sie weiß es, kann es analysieren, doch sie kann ihre Reaktionen darauf nicht steuern.

Die Feder streicht immer wieder über die Klit, drückt sich dann zwischen die Schamlippen, wandert auf und ab, umkreist die Perle. Ein Schrei ist ihre Antwort auf das harte Kratzen, doch es passiert weitaus mehr in ihrem Körper. Der Schrei ist nur eines der Anzeichen, allenfalls ein Reflex. Ihr Zucken, die Hitze in ihr, das Beben auf der Haut, die Feuchtigkeit ihrer Scham, tausend kleine animalische, ungesteuerte Impulse des Körpers, keiner davon willentlich geäußert.

Er hat sie da, wo er sie haben will. Den Körper gefesselt und zugleich frei, gelöst von den Restriktionen des Verstandes.

Eine kurze Pause gönnt er ihr, dann geht es weiter. Ein anderes Folterinstrument, das sie erst nach einer Weile erkennt. Noch weicher, eine Liebkosung ihrer Haut. Es gleitet zart auf ihr, kitzelt weniger als die Feder, kratzt auch nicht, bietet ihr Erholung von der Folter der so abrupt abgebrochenen Erregungskurve.

Auch dieses Teil wandert zu ihrer Scham, streift über die Leisten, ohne dass sie zusammenzuckt. Was ist es? Erst als er damit über die Klit geht, weiß sie, dass es sich um den Pinsel handelt. Einen Backpinsel, den er vor einiger Zeit in den Einkaufswagen legte, diesmal hatte er den unschuldigen Blick aufgesetzt, der sie misstrauisch werden ließ. Es liegen längst mehrere solcher Pinsel in verschiedenen Breiten in der Küchenschublade, sie benutzt sie häufig. Den einen für süße Dekorationen, den anderen zum Auftragen von Gewürzen auf Fleisch, einen speziell für das Einfetten der Kuchenformen. Warum kauft er noch einen?

Jetzt hat sie die Antwort auf diese Frage.

Er malt auf ihr, überzieht ihre Haut mit seinen Berührungen ohne sie anzufassen. Der Pinsel ist weich wie Samt, weshalb sie erstaunt zuckt, als etwas Hartes in sie eindringt.

Ihr Kopf schaltet sich wieder ein. Ist das der Griff des Pinsels? Doch der ist aus Holz, läuft unten spitz zu, ist abwaschbar, aber nicht wirklich hygienisch. Muss er den nehmen? Im Schrank lagern tausend Spielsachen für diesen Zweck, warum benutzt er nicht die? Weil es ihm Spaß macht, sie mit Alltagsgegenständen zu quälen, wie sie sehr genau weiß. Mit einem Holzbrett, das andere als Schneidebrett verwenden. Mit dem Spatel, der eigentlich für das Verstreichen von Schokolade auf Kuchen gedacht ist. Mit Griffen von unsäglichen Werkzeugen, mit Käsereiben und Kochlöffeln.

Er brummt. Unwillig. Warum?

Das in die Vagina eingeführte Teil beginnt zu tanzen. Berührt den G-Punkt, reibt über all die köstlichen Stellen, die sie fühlen lassen, die ihre Erregung anheizen, die Hitzewellen über die Haut schießen lassen. Dazu kommt wieder der Tanz über die Klit, weich und trotzdem unnachgiebig.

Sie kann die einzelnen Berührungen nicht mehr voneinander unterscheiden. Eigentlich ist es ihr auch ganz egal, was welche Reaktion hervorruft. Alle zusammengenommen führen doch nur zu einer – ihrem Orgasmus.

Hofft sie.

Dann hofft sie nicht mehr, denkt nicht mehr, fühlt nur noch. Alle Sinne richten sich auf ihn aus, auf seine Berührungen, seine Handlungen. Im Kopf rauscht es nur noch, vielleicht die Hormone, die Tango tanzen oder mit Pinseln wild um sich klecksen. Egal. Gleichgültig.

Er bringt sie hoch, höher, kurz vor den Gipfel – und lässt sie dort hängen.

Sie stöhnt, wälzt sich hin und her, hebt ihr Becken an in dem verzweifelten Versuch, Kontakt herzustellen. Mit ihm, seinen Fingern, der Feder, dem vermaledeiten Scheißpinsel oder was auch immer!

Es dauert wieder eine Weile, bis ihre Ohren funktionieren, Signale verarbeiten können außer dem Rauschen der Erregung. Dann hört sie es: das Glucksen. Kein lautes Lachen, nur ein tiefes, aus dem Bauch dringendes Geräusch, das sie kennt und leicht interpretieren kann. Es klingt nicht fies, nicht schadenfroh, eher stolz und zufrieden.

Er hat es wieder einmal geschafft, hat aus dem Vernunftwesen ein rein körperbezogenes Tier geschaffen, das alleine auf seine Berührungen reagiert. Oder sie herbeisehnt, sobald sie aussetzen.

Der Kopf weiß das. Dem Körper ist es egal.

Sie seufzt. Er wird in seinem Tempo vorgehen, nicht ihren Gelüsten und Wünschen folgen. Er wird die Gegenstände verwenden, die er mag, er wird sie zum Höhepunkt bringen, wenn und wann er es will. Für ihn ist sie eine Zusammensetzung aus Rezeptoren, mit denen er spielt. Jetzt ist das klargestellt, jetzt weiß ihr Kopf, dass er Pause machen muss, was auch immer er sich noch ausdenken wird. Ihr Körper wird weich, liegt äußerlich ruhig da, innerlich gespannt und summend wie eine Starkstromleitung.

„So ist gut, Kleines. Entspann dich. Ich kümmere mich um dich. Übrigens war das nicht der Pinsel in dir.“

Wie gut er sie kennt! Er weiß genau, dass sie sich um solche Dinge Gedanken macht. Dass es sie ablenkt, sie aus der Szene reißt. Und er spielt mit diesem Wissen, reizt sie damit.

„Es war dieses Teil.“

Das Summen setzt ein, das sie noch weitaus mehr hasst und liebt als Feder oder Pinsel oder Schneidbrett. Es gehört zu dem Zauberstab, dem sie nicht entkommen kann, der sie innerhalb von Sekunden explodieren lässt, wenn er an der richtigen Stelle angesetzt wird. Das zum Thema reizen, denkt sie, dann hört sie auf zu denken.

„Oh mein Gott!“

„Ja, mein Schatz. Ich höre dich.“

Foto: ©Onchi „Die Feder“ – Some rights reserved. Quelle: www.piqs.de

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Über margauxnavara

Autorin von BDSM-Romanen und Kurzgeschichten.
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6 Antworten auf Federleicht

  1. Mic sagt:

    Sehr schön! Wahnsinnig intim und tolles Futter für das Kopfkino!

  2. karimausi sagt:

    Gerade nach meiner letzten Lektüre kann ich auch bei dieser nun nur sagen: ich stehe voll auf deinen Schreibstil! 🙂

  3. filmgeist9 sagt:

    Herrlich, ich mag dich und möchte viel mehr von dir entdecken.

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