Dampf ablassen

Er ist heute anders. Grimmiger. Härter.

Ich bin nicht sicher, warum. Quatsch, wenn ich ehrlich bin, weiß ich, warum.

Ich habe ihm Vorschriften gemacht. Klar unterliegen die häuslichen Arbeiten mehr meiner Verantwortung, aber er hört es trotzdem nicht gerne, wenn ich wegen unbedeutender Dinge motze. Oder ihm gar – wie heute – vorschreiben will, was er zu tun hat.

Hätte ich es als Bitte formuliert, oder ihn einfach nur auf den Missstand aufmerksam gemacht, wäre der Abend vielleicht anders verlaufen. Aber ich musste ihm sagen, was er in Zukunft „bitte“ tun soll. Nein, dieses Wort war keine Bitte. Der Ton macht die Musik, nicht wahr? Es war eine Zurechtweisung, ganz klar.

Das hört er gar nicht gerne. Was mir leider erst jetzt wieder bewusst wird.

Aber ich hatte doch Recht, empört sich in mir etwas, plustert sich auf, dehnt sich aus wie Wasserdampf im Kessel. Meine andere Seite versucht mit aller Macht, den Deckel draufzuhalten. Ich bin nicht verrückt, ich weiß sehr wohl, wann es besser ist, zu schweigen, hinzunehmen, nachzugeben. Oder meine Fehler einzusehen.

Der erste Schlag trifft mich trotz aller Vorbereitung unerwartet, weil ich mit mir selbst beschäftigt war, anstatt mich auf ihn zu konzentrieren.

Wieso gibt es einen Unterschied zwischen bestrafend-disziplinierenden und lusterregenden Schlägen? Die Hand ist die Gleiche, die Fläche, auf die sie auftrifft – mein Hintern – ist die Gleiche. Und doch empfinde ich sie vollkommen anders. Als wäre die Luft um mich herum verändert, als befänden wir uns in einem parallelen Universum.

Der Dampf hebt den Deckel kurzzeitig an und ich stoße einen eher empörten Ton aus, keineswegs ein lustvolles Stöhnen, auch kein ergebenes du-schlägst-mich-zu-Recht-Stöhnen.

Er brummt. Oder war es ein Grollen? Ein Knurren gar? Er ist sehr empfindsam, er weiß sehr wohl, dass ich nicht einsehen will, dass diese Bestrafung notwendig geworden ist. Ärgert ihn das? Wird er mich noch härter schlagen?

Nein, tut er nicht. Er streichelt mir über den Rücken und legt seine Hand genau auf die Stelle, die er eben geschlagen hat. Sie ist wärmer als die umgebende Haut, und ich stelle mir vor, dass er sehr genau jeden Fingerabdruck sehen kann, den er hinterlassen hat.

„Schatz?“

Mein Kopf ruckt hoch. Was hat er vor? Seine Stimme ist gar nicht hart.

„Hast du mir etwas zu sagen?“

Pffft. Der ganze Dampf ist weg. Das Feuer darunter, das ihn erzeugt hat, auch.

„Es tut mir leid. Ich weiß nicht, warum ich das gesagt habe, und warum ich es so gesagt habe. Es tut mir einfach leid.“

Ich kann ihm nicht versprechen, dass es nie wieder vorkommt. Dieses Versprechen könnte ich niemals halten. Es ist viel wichtiger, ehrlich zu sein, meine Fehler einzusehen, auf eine Besserung zu hoffen, aber nicht, ihn mit Lügen zu beschwichtigen.

„Mir tut es auch leid. Du hattest Recht.“

Warum wird mir so warm ums Herz? Weil ich ihn so liebe, auch dann, wenn er ganz undommäßig nachgibt. Wir sind immerhin ein Paar, wir müssen uns arrangieren, Kompromisse schließen, aufeinander eingehen. Dazu gehört auch, dass er manchmal das tut, was ich sage. Solange es vernünftig und angebracht ist.

„Au!“ Der Schmerz trifft mich in meinem gefühlsduseligen warmfeuchten Schwebezustand wie ein Dampfhammer das weiche Eisen. Mir schießen Tränen in die Augen und ich schaue ihn blinzelnd und verwirrt an.

Selbst durch den Tränenfilm kann ich erkennen, dass ihn genau das anmacht, dass seine Stimmung innerhalb eines Augenzwinkerns umschlägt. Oh ja, er liebt es, wenn ich mit feuchten Augen zu ihm aufschaue. Es macht ihn an, macht ihn heiß, macht ihn hart.

„Mir hat aber der Ton nicht gefallen, mit dem du es gesagt hast.“

Wieder knallt seine Hand auf meinen Hintern. Ja, das ist ein anderer Schlag, der sofort Hitze auslöst – nicht nur auf der vermutlich knallroten Fläche, sondern vor allem in meinem Zentrum, der die Härchen im Nacken aufrichtet, den Mund trocken werden lässt und die Lippen dort unten feucht.

Es fallen noch viele Schläge. Und ich muss mich sehr anstrengen, meine Verfehlung wieder gutzumachen.

So ist er eben. Hart und gerecht, aber auch mal nachgiebig und einsichtig.

Manchmal.

Eher selten.

 

Trage Dich für meinen Newsletter ein und erhalte eine exklusive Kurzgeschichten-Sammlung

Erhalte gratis "Hot and Short" im pdf-Format, eine Sammlung von Geschichten rund um das Thema SM.

Ich gebe Deine E-Mail Adresse nicht weiter und Du erhältst von mir keinen Spam. Du kannst Dich jederzeit wieder abmelden.

Über margauxnavara

Autorin von BDSM-Romanen und Kurzgeschichten.
Dieser Beitrag wurde unter Alltag abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten auf Dampf ablassen

  1. Nun dazu möchte ich nur eines sagen, außerhalb des „Spiels“ sollten beide gleichgestellt sein !

    Schöne Grüße

    HoM

    • Es ist einfach so, dass nach einiger Zeit das „Spiel“ immer mehr in den Alltag einfließt. Das Machtgefälle paust sich durch. Ich bin nicht unterdrückt, bin nicht minderwertig oder schwächer, ich ordne mich freiwillig unter. Ohne Unterwerfung gibt es keine Dominanz!

Kommentar verfassen