Ohne Höschen

„Komm ohne Höschen“, schreibt er.

Och nö. Nicht schon wieder derselbe Spruch, denke ich. Warum glauben Männer, es sei so toll, wenn eine Frau ohne Höschen neben ihnen sitzt? Noch dazu im Theater? Okay, er hat Loge gebucht, aber wir werden nicht alleine sein, mindesten drei oder vier Leute sitzen neben uns. Außerdem gibt es da ein Problem, das die meisten Männer nicht bedenken: eine Frau, die sexuell erregt ist, sondert Feuchtigkeit ab. Ja, genau, dort, wo das Höschen sitzen sollte und sie auffangen kann. Wenn es denn da ist. Und wenn nicht? Schon mal mit einem feuchten Fleck auf dem Kleid inmitten von dreihundert Menschen gestanden? Nein? Genau. Die Vorstellung sollte genügen.

Also muss ich mir etwas überlegen.

Wir treffen uns vor dem Theater. Gut sieht er aus mit dem Anzug, dem weißen Hemd, der Krawatte, besser noch als auf den Fotos. Sein Dreitagebart kratzt genau richtig über meine Wange. Ich reibe mit Absicht gegen den Strich, weil ich das Kratzen spüren will. Er soll wissen, dass ich es rau mag, aber das sollte er aus meinen Mails herausgelesen haben.

Er lacht leise und beim Küsschen auf die andere Backe beißt er mir ins Ohrläppchen. Uh, Gänsehaut! Das fängt ja gut an.

„Hast du meine Anweisung befolgt?“, raunt er mir ins Ohr.

Ich lächle geheimnisvoll und schweige. Wenn er es nur glaubt, ist sein Spaß garantiert.

„Folge mir.“ Er fasst mich zur Sicherheit am Ellbogen. Nicht zu aufdringlich, aber bestimmt, geleitet er mich durch die Menge, dann den Flur mit den Toiletten entlang zu einer in die Wandverkleidung eingelassenen Tür. Er betätigt die Klinke und sie wird aufgezogen. Ein Mann steht dort, der ihn prüfend anschaut. Mein Begleiter drückt ihm diskret etwas in die Hand und schon lässt er uns durch.

Wir sind im Untergrund, dort wo Kulissen stehen und Accessoires. Es riecht staubig und ein bisschen muffig. Mir wird mulmig. Wenn wir uns länger hier herumtreiben, wird mein Kleid leiden, da bin ich sicher. Auch sein Anzug wird mit Staub überzogen, und sollten wir jemals wieder auftauchen, wird sofort ersichtlich sein, was wir getan haben. Denn dass wir nicht hier unten sind, um die Bühnenbilder zu diskutieren, ist mir klargeworden.

Doch er scheint vorgeplant zu haben, wie immer das auch zugegangen sein mag. Ich stelle mir vor, wie er mit dem Bühnenarbeiter oder gar dem Regisseur vereinbart, dass dieser Raum uns für ein Schäferstündchen zur Verfügung stehen soll. Inklusive Aufpasser, damit uns niemand stört. Und einem roten Tuch, das über einer Chaiselongue hängt und das er jetzt auseinanderfaltet.

Auf einmal ist er nicht mehr so zuvorkommend, sondern stößt mich von sich, dass ich rücklings auf das Sofa falle. Mir bleibt fast das Herz stehen. „Heh!“

„Zieh das Höschen aus. Entweder du folgst meinen Anweisungen oder wir können das Ganze gleich beenden.“

Erwischt. Dabei hatte er noch nicht einmal eine Hand auf meinem Hintern. Und man sieht durch dieses Kleid garantiert keinen Abdruck. Ich habe es extra ausgewählt, weil der Stoff so dick ist, dass keine Flecken sichtbar werden. Zumindest keine Feuchtigkeit, die von innen nach außen dringt.

Ich möchte auf keinen Fall, dass das Spiel schon hier endet. Gerade seine Anweisung macht mich heiß. Aber noch möchte ich das Zepter nicht aus der Hand legen. Ein neuer Mann muss getestet werden, das ist wohl klar. In einem Chat kann ich unmöglich erkennen, ob er der Richtige ist.

Meine Finger streifen das Kleid im Zeitlupentempo nach oben, bis der Saum etwa eine Handbreit unter meiner Muschi ist. Mehr wird er nicht zu sehen bekommen. Nicht jetzt.

Ich hatte mich für alle Eventualitäten vorbereitet. Auch für ein einfaches Entkleiden. Meine Finger kriechen langsam, so langsam unter den Saum, während ich ihn nicht aus den Augen lasse. Das Licht hier unten ist gedämpft, aber ausreichend, seinen Ausdruck zu erkennen. Er schaut mich von oben herab an, ein wenig überheblich zieht er eine Augenbraue nach oben. Mal sehen, wie lange er diese Haltung beibehält.

Das Band lässt sich gut greifen, es gleitet über meine Hüfte. Noch ist nichts zu sehen. Die Hand ziehe ich wieder unter dem Kleid hervor. Leer.

Jetzt kneift er die Augen zusammen.

Meine andere Hand wandert noch langsamer nach oben, ohne mehr von meinen seidig bestrumpften Beinen zu zeigen als zuvor. Lieber verrenke ich mich, als dass ich zu freizügig vorgehe. Sein Blick wandert zu meinen Augen, doch er bleibt am Oberkörper hängen.

Mist, Ich habe doch nicht an alles gedacht. Er kann mir tief in den Ausschnitt schauen, kann mehr als den Ansatz meiner Brüste sehen, denn sie werden nicht von einem Büstenhalter bedeckt. Dieses Wissen wirft mich ein wenig aus der Bahn. Nur ein wenig. Na gut, eigentlich sehr viel mehr. Es lässt mir die Röte in die Wangen steigen, vermutlich auch ins Dekolleté.

Da wollte ich wesentliche Dinge vor ihm verbergen und entblöße mich dabei.

Wäre ich nicht für die Oper gekleidet, könnte ich mit einem kurzen Zucken meine Haare über den Ausschnitt fallen lassen, aber um des Gesamteindrucks willen habe ich sie hochgesteckt.

Er räuspert sich, ein deutliches Zeichen der Ungeduld. Ich bin versucht, mit ihm zu argumentieren, aber sein jetzt finsterer Blick und der grimmig zusammengepresste Mund sprechen dafür, es zu lassen. Er will mich ohne Höschen. Und zwar flott.

Es kostet Nerven, dieses Schneckentempo beizubehalten, aber ich schaffe es. Ganz langsam nur senkt sich der Stoff, wandert über meine Oberschenkel, gleitet über die Knie, die Waden, die Knöchel.

Ich bin nass und beglückwünsche mich zu meinem Kleid. Es mag einen Hauch zu warm werden, aber auf keinen Fall werde ich meinen Status verraten. Selbst die harten Nippel werden nicht zu erkennen sein. Unnötig, alle Welt wissen zu lassen, dass wir uns aufheizen für die Zeit nach Vorstellungsende.Depositphotos_32784101_l-2015 vladvitek

Er streckt die Hand aus und endlich lege ich das winzige Stück Stoff hinein.

Hoffentlich hat die Vorstellung noch nicht angefangen. Ich freue mich auf die Oper, noch dazu auf den Platz in der Loge. Und auf das Danach.

Mit starker Hand zieht er mich hoch, bis ich dicht vor ihm stehe, sehr dicht. So dicht, dass meine Brüste seine Brust berühren. Ich muss schlucken, sein Geruch füllt meine Nase und seine Wärme strahlt auf mich aus.

„Du hast meine Anweisung nicht befolgt. Dafür wirst du bestraft.“

Ich schaue mit großen Unschuldsaugen zu ihm auf. Wie will er mich hier bestrafen? Wir werden es auf später verschieben müssen. Noch etwas, auf das ich mich freuen kann.

Er schüttelt den Kopf, einmal, zweimal. Langsam und mit süffisantem Grinsen. Dann flüstert er: „Jetzt sofort.“

Kann er meine Gedanken lesen?

Wieder übt er Druck aus, diesmal muss ich mich umdrehen, auf das Sofa knien, wenn ich nicht fallen will und mich an das Polster lehnen.

Ein Spanking? Das wäre zu laut. Was dann?

Mit einer Bewegung schlägt er den Stoff meines Kleides nach oben, bis ich bis zur Hüfte nackt bin. Schade, ich wollte diesen Moment doch hinauszögern.

Nicht schade. Oh nein. Er beugt sich über mich, bis ich sein Gewicht auf mir spüre. Was jetzt? Ein Fick? Hier?

„Ich weiß, dass Frauen nicht gerne ohne Slip unterwegs sind. Sie machen sonst Flecke auf ihr Kleid. Nicht wahr?“

Ein Connaisseur. Wer hätte das gedacht? Ich antworte nicht, denn ich ahne jetzt, dass er mehr vorgeplant hat als ein Stück rotes Tuch.

Ein kühles, hartes Ding, phallusgroß, schiebt sich in meine nasse Muschi, dann legt sich etwas über meinen Schritt. Schließlich bindet er rechts und links Schleifen.

Schon stehe ich wieder vor ihm. Bekleidet wie zuvor. Keine Spuren auf mir, nicht einmal ein Stäubchen.

„So. Jetzt genießen wir die Oper. Ich zumindest.“

Bis wir auf unseren Plätzen sitzen, habe ich mich an die Größe gewöhnt, nicht aber an das unregelmäßige Summen und Vibrieren in mir. Es treibt mich zum Wahnsinn. Gerade ehe ich kommen kann, hört es auf. Genau einen Millimeter davor. Dann wartet er ab, bis ich meine Augen wieder auf das Geschehen auf der Bühne fixieren kann und sie nicht mehr völlig verdreht sind, bis meine Zehen sich wieder aufgerollt haben und meine Fingernägel sich nicht mehr in die Lehne bohren.

Spaß hat er. Ideen hat er auch. Und er lässt sich nicht toppen.

Könnte sein, dass er der Richtige ist.

 

 

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Über margauxnavara

Autorin von BDSM-Romanen und Kurzgeschichten.
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13 Antworten auf Ohne Höschen

  1. vulvaaddict sagt:

    Just one simple Word: Brilliant 😉

  2. Thomas sagt:

    Danke – genau das meine ich in meinem Schreiben an Dich mit sanftem und liebevollem BDSM.

  3. Michael Behr sagt:

    Immer wieder fein, von deinem/seinem Einfallsreichtum zu lesen! 🙂

  4. skydla sagt:

    Einfach toll geschrieben

  5. HerrB sagt:

    Wie immer, toll geschrieben.
    Wann gehen wir in die Oper?

  6. martin sagt:

    Einmal abgesehen von dem sehr erotischen Inhalt, habe ich doch schmunzeln müssen.
    An was „Frauen“ immer denken, in welcher Situation sie sich auch immer befinden.
    Ein „Kerl“ denkt an so etwas nur sehr selten, bis auf deine Begleitung in Deiner Geschichte.
    LG
    martin

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